Start-up-Spirit für Luft- und Raumfahrt: Über Potenzial, Perspektiven und Unterstützung für Start-ups spricht Thomas Jarzombek, Mitglied des Deutschen Bundestages im CHIC-Interview

20. April 2022

Start-up-Spirit für Luft- und Raumfahrt

Über Potenzial, Perspektiven und Unterstützung für Start-ups spricht Thomas Jarzombek, Mitglied des Deutschen Bundestages im CHIC-Interview

Thomas Jarzombek, MdB

Thomas Jarzombek sieht großes Potenzial für Gründungen in der Luft- und Raumfahrtbranche

Thomas Jarzombek war in der letzten Bundesregierung Beauftragter für Digitale Wirtschaft und Start-ups sowie zugleich Koordinator für Luft- und Raumfahrt. Welche Potenziale gibt es in der Schnittmenge seiner beiden Verantwortungsbereiche zu heben? Welche Perspektiven bietet die Luft- und Raumfahrt für Start-ups? Und wie lassen sich Gründungen in diesem und anderen Bereichen aus politischer Sicht optimal unterstützen? – Wir haben nachgefragt.

 

Herr Abgeordneter Jarzombek, Sie kennen die Gründerrolle aus eigener Erfahrung. Gab es seinerzeit Seed-Förderung, Gründungszentren und das heutige Bewusstsein für die Bedeutung von Existenzgründungen?

Meine Gründung war kein Startup, sondern hat sich aus einem Job als freiberuflicher Systemadministrator neben dem Studium entwickelt. Daraus wurde ein Vollzeitjob und am Ende waren wir zu fünft. Lokaler Mittelstand, finanziert aus dem Cashflow. Aber ich war im Jahr 2000 in ein Start-up-Projekt involviert, das wir damals mangels Finanzierung aufgeben mussten. Es ging um eine Mobile-Commerce-Lösung, die wir schon programmiert hatten. Ähnliche Geschäftsideen waren später sehr erfolgreich. Bei uns hat es nicht funktioniert, aber es war lehrreich.


Was waren Ihre Schwerpunkte als Beauftragter für Digitale Wirtschaft und Start-ups?

Vor allem habe ich mit meinem Team mehr Wagniskapital von staatlicher Seite verfügbar gemacht. Da haben wir viel erreicht. Als ich anfing, hat Deutschland rund vier Milliarden Euro in den Markt gegeben. Vor allem über den Europäischen Investitionsfonds, den Hightech-Gründerfonds (HTGF) sowie für Wissenschafts-Spin-offs mit dem EXIST-Programm. Diesen Wert haben wir binnen vier Jahren auf 20 Milliarden Euro verfünffacht. Wir haben die mit vier Milliarden Euro ausgestatteten KfW-Capital gegründet, zwei Milliarden Euro an Coronahilfen sowie zehn Milliarden Euro im Zukunftsfonds auf den Weg gebracht. Laut Kreditanstalt für den Wiederaufbau (KfW) kommen auf einen Euro vom Staat im Schnitt zwei Euro private Investition. Es geht also um eine Gesamtallokation von 60 Milliarden Euro Wagniskapital. Das spiegelt der Markt wider. Zwischen 2020 und 2021 hat sich die verfügbare VC-Summe im deutschen Markt laut EY-Start-up-Monitor verdreifacht.


Wie beugt man als Förderer der Bildung von Blasen vor?

Mir war immer wichtig, dass die private Seite mindestens die Hälfte des Risikos trägt, damit sie die Projekte wirklich gut prüft. Ist Fördergeld zu leicht erhältlich, dann werden auch Ideen gefördert, für die es am Ende gar keinen Markt gibt. Der Eigenanteil ersetzt auch Antragstellungen, die sonst zu oft zu großer Bürokratie führen. Neben dem Geld haben wir weitere Hebel zur Optimierung der Rahmenbedingungen für Start-ups bedient. Etwa das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung (GWB), um den Herausforderern besseren Zugang zu Daten verschafft. Und wir haben den Staat als Ankerkunden für junge Unternehmen positioniert.


Hat hier der Koordinator für Luft- und Raumfahrt mitgewirkt?

Ja, der saß mit am Tisch! Ein Resultat ist der Mikrolauncher-Wettbewerb. Die Erstplatzierten aus Runde eins, Isar Aerospace, haben bereits 155 Millionen Euro Wagniskapital eingeworben. Dafür war es sicher nicht von Nachteil, dass der Staat mit Aufträgen droht. Das Konzept sieht vor, dass drei Siegerteams anfangs eine halbe Million Euro Förderung für die Technologieentwicklung erhalten – und der Staat ihnen anschließend Aufträge gibt. Bei Isar Aerospace waren das zwei Raketenstarts im Wert von elf Millionen Euro, um Satelliten in den Orbit zu transportieren. Einen ähnlichen Wettbewerb haben wir im Quantencomputing auf den Weg gebracht und einen weiteren für Kleinsatelliten vorbereitet, den wir startklar an die neue Regierung übergeben haben. Ich bin gespannt, ob und wie das weitergeht.


Ist die von Global Playern und strengen Regularien geprägte Luft- und Raumfahrt ein gutes Pflaster für Existenzgründungen?

Total! Gerade in der Raumfahrt sehen Sie klassische mittelständische Unternehmen, auch hier in Berlin. In Adlershof habe ich einige davon besucht. Daneben gibt es spannende Start-ups, die sich auf den Vertrieb und die Auswertung von Satellitendaten spezialisieren. Eines von ihnen prognostiziert für die Deutsche Bahn drohende Sturmschäden entlang der Bahntrassen. Andere Teams entwickeln spezielle Drohnen, um damit eilige Medikamente, Transplantationsorgane oder Defibrillatoren schnell dorthin zu transportieren, wo sie gebraucht werden. Rund um Cube-Sats – Satelliten in der Größe eines Weinkartons – ist eine dynamische Start-up-Szene entstanden. Am Launcher-Wettbewerb haben sich viele Teams beteiligt. In der Raumfahrt geht möglicherweise auch deshalb so viel, weil die etablierten Unternehmen diese Beweglichkeit oft nicht mehr an den Tag legen. Es gab bisher kaum Wettbewerb. Wo er entsteht, setzen sich junge Unternehmen wie SpaceX binnen kürzester Zeit durch. Sie docken mit ihren Raumfähren ganz selbstverständlich an der ISS an. Ein wenig komplizierter ist es in der Luftfahrt, aber auch hier gibt es Teams mit sehr spannenden Ideen bis hin zu Elektro-Taxis der Lüfte.  


Start-ups sind zweifelsohne da. Kann daraus ein neues mittelständisch  geprägtes Branchensegment entstehen?

Mittelstandsförderung finde ich sehr wichtig! Aber: Ich bringe Start-ups, die mit Risikokapital auf zügiges Wachstum in den Technologiemärkten der Zukunft hinarbeiten, nicht unbedingt mit dem Mittelstand zusammen. Es sollen doch große Unternehmen mit vielen Beschäftigten entstehen, die sich mit skalierbaren Geschäftsmodellen international durchsetzen. Mittelstand muss man anders adressieren. Dazu haben wir bei der letzten ESA-Ministerratskonferenz 2019 klar das Ziel formuliert, den Anteil der Vergaben für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) deutlich zu erhöhen. In der Folge haben sie sich verdreifacht. Und dafür gesorgt,  dass bei viel mehr Projekten KMUs direkte Auftragnehmer der ESA werden, statt wie früher nur Zulieferer für die Platzhirsche zu sein. Wir brauchen in der Luft- und Raumfahrt übergreifend mehr Innovationsgeist und die Innovationskraft junger Unternehmen, die ihre Zukunft bauen wollen. Das gilt übrigens auch für die 100 Milliarden Euro, die nun in die Modernisierung der Bundeswehr fließen sollen.    


Auch gründungsfreundliche Regulierung wäre ein Instrument. Wird es bei Kleinsatelliten und Drohnen in ausreichendem Maße genutzt?

In der Raumfahrt ist das weniger ein Thema als bei Drohnen. Hier gibt es eine innovationsfreundliche Regulierung unter anderem dadurch, dass die Haftung auf den Staat übergeht, sollten Firmen ausfallen. Aber in der Luftfahrt und bei den Drohnen ist es komplizierter. Natürlich muss der Staat Vorsorge tragen, damit von der Nutzung eines automatisierten Luftraums, der sich immer weiter füllt, keine Gefahr für Leib und Leben ausgeht. Ähnlich wie beim TÜV fürs Auto bedarf es technischer Überwachung. Ein Schmerzpunkt ist das Thema „Beyond visual line of sight“ (BVLOS), also Drohnenflüge ohne direkten Sichtkontakt. Hier ist das Verkehrsministerium zuständig – und ich werde nicht müde, für eine flexiblere Regulierung zu werben. Es ist am Beispiel des fliegenden Defibrillators gut erklärbar: Dafür muss es möglich sein, auch BVLOS-Flüge zu vorher nicht bekannten Zielpunkten zu absolvieren, was die aktuelle Regulierung ausschließt. Niemand kann aber wissen, wo der nächste Notfall eintritt. Regulierung sollte Räume für Fortschritt offenhalten.


Letzte Frage: Bei Kleinsatelliten waren deutsche Hochschulen früh dran. Gelingt es, diesen Vorsprung in Markterfolg umzumünzen?

Diese Antwort kann ich Ihnen in ein paar Jahren geben. Noch entwickelt sich dieser Markt sehr dynamisch. Ich habe den Eindruck, dass wir hier auf einer guten Schiene unterwegs sind – und sich wirklich viele kreative Köpfe in Start-ups um tragfähige Lösungen bemühen. Dieser Markt hat das Potenzial, eine Erfolgsgeschichte zu schreiben. Aber auch dafür ist es nötig, dass Verantwortliche auf EU-Ebene und in Nationalstaaten ihr Mindset ändern. Wir dürfen nicht länger der immer gleichen Handvoll von Konzernen alle Aufträge geben. Es braucht Vertrauen in kleine Player – aus denen dann große werden können. Denken Sie an SpaceX.

 

Zur Person:
Thomas Jarzombek ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags. Bis zum Regierungswechsel war er Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt sowie Beauftragter des Bundeswirtschaftsministeriums für Digitale Wirtschaft und Start-ups. Er hat selbst ein Unternehmen für IT-Services gegründet, das er bis zu seiner Wahl im Jahr 2009 führte.

 

Von Peter Trechow für CHIC!

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