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05. Dezember 2022

Ideen für ein digitales Gesundheitswesen

Der Health & Pharma-Experte Malte Fritsche über Innovationsbremsen im Gesundheitswesen, Unterstützung seitens des Verbands und das „Get Started Health Network“

Malte Fritsche vom Bitkom e. V. will die schwierigen Startbedingungen für Digital Health Start-ups verbessern und setzt mit dem Get Started Health Network auf Vernetzung der Akteure.

Digital Health Start-ups treibt die Vision eines Gesundheitswesens an, in dem Patientinnen und Patienten trotz Fachkräftemangel eine bessere und engere Betreuung finden als bisher. Dafür entwickeln sie Apps, die erkrankte Menschen bei der regelmäßigen Umsetzung therapeutischer Maßnahmen unterstützen, dem medizinischen Fachpersonal redundante Aufgaben abnehmen und per E-Learning zu effizienterer Weiterbildung beitragen. Auch Telemedizin-Plattformen für medizinisch unterversorgte Regionen und Fachgebiete gehören zum Repertoire. Allerdings sind die Startbedingungen für junge Unternehmen im zuweilen trägen und stark regulierten HealthCare-Markt schwierig. Im CHIC!-Interview spricht Malte Fritsche, Health & Pharma-Experte beim Digitalverband Bitkom darüber, wie sich Innovationsbremsen im Gesundheitswesen lösen lassen, wofür sich der Verband im Dialog mit der Politik einsetzt und was Start-ups von dessen „Get Started Health Network“ erwarten können.

 

Das Gesundheitswesen leidet unter Fachkräftemangel und mangelnder Effizienz. Kann Digitalisierung helfen, die Misere zu lindern?

Fehlende Effizienz verstärkt in vielen Fällen die Not, die der Fachkräftemangel auslöst. Oder anders ausgedrückt: Wo die Personaldecke dünn ist, kommt es besonders auf effiziente Abläufe an. Und hier hat die Digitalisierung in der Tat Potenzial. Wenn Patientinnen und Patienten Termine online buchen, entlastet es das Fachpersonal in Praxen und Kliniken von der repetitiven telefonischen Terminvereinbarung. Gleiches gilt für die digitale Aufklärung vor Operationen. Sie erspart Ärzteteams ständige Wiederholung und hebt zugleich die Qualität der Vorgespräche, weil sich die Behandelten vorab ein klares Bild vom Eingriff machen und gezielte Fragen notieren können. Oder denken Sie an den immer häufigeren Einsatz von künstlicher Intelligenz in der bildgebenden Diagnostik – ob Röntgen, Tomographie oder Mikroskopie. Zur gleichzeitigen Steigerung der Effizienz und Qualität tragen auch die robotergestützte Chirurgie oder Online- Konsultationen bei, in denen jederzeit internationale Koryphäen hinzugezogen werden können, wenn Diagnosen unklar sind, Therapien versagen oder es bei einer OP zu Komplikationen kommt. Wichtige Digitalisierungsfelder sind auch die telemedizinische Versorgung in unterversorgten Gebieten sowie Apps, die Patientinnen und Patienten beim Einhalten ihrer Therapiepläne unterstützen. Uns liegen Studien vor, wonach die vollständige Digitalisierung im HealthCare-Markt jährlich rund 40 Milliarden Euro Einsparpotenzial birgt. Zur Einordnung: Für 2023 ist ein Kassendefizit von 17 Milliarden Euro prognostiziert.

 

Dennoch entsteht in mancher Praxis oder Notaufnahme der Eindruck, als sei das digitale Zeitalter nie angebrochen. Ist die Branche offen für Ideen von Digital Health Start-ups?

Es gibt natürlich niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, die der Digitalisierung kritisch gegenüberstehen oder das Thema altersbedingt nicht mehr angehen möchten. Aber nach unseren Beobachtungen und Studien öffnen sich Praxen und Kliniken zunehmend für digitale und automatisierte Lösungen. Das wird zunehmen, weil digitalaffine Jahrgänge nachrücken und mehr digitale Inhalte in die medizinische Ausbildung einfließen. Zudem liegen die Effizienz- und Qualitätsvorteile oft auf der Hand. Wenn zum Beispiel künstliche Intelligenz riesige Mengen an Bilddaten auf Auffälligkeiten hin scannt, dann können sich die Spezialistinnen und Spezialisten auf eine enge Vorauswahl konzentrieren, in denen tatsächlich Befunde zu vermuten sind.

 

Offenheit gegenüber Innovationen ist nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen stehen die Regularien im Gesundheitsmarkt. Inwieweit bremsen die Rahmenbedingungen junge Unternehmen und ihre Ideen aus?

Sehr. Das sehen übrigens auch Ärztinnen und Ärzte so. In einer Befragung, die wir als Bitkom kürzlich durchgeführt haben, antworteten 80 Prozent von ihnen, dass die komplexen, aufwendigen und langwierigen Zertifizierungen und Genehmigungsverfahren den digitalen Fortschritt im Gesundheitswesen bremsen. Gerade für Start-ups, die mit knappen personellen und finanziellen Ressourcen agieren, sind die regulatorischen Einstiegshürden zu hoch. Sie brauchen unkompliziertere Zugänge zum Markt.

 

Was kann die Politik und was können Zulassungsbehörden tun, um die Innovationsbremsen im Gesundheitsmarkt zu lösen?

Generell bedarf es schlanker und transparenter Prozesse, um Innovationen den Weg zu bereiten. Wobei besonders Start-ups von einem regulatorischen Rahmen profitieren würden, der stärker auf Innovationen und die Entwicklung neuer Produkte ausgerichtet ist. Dazu gehören realistische Umsetzungsfristen und Verlässlichkeit, die zuletzt leider fehlte; so wurden beispielsweise die von der Industrie zu erfüllenden Sicherheitsanforderungen, die unter anderem für DiGA* gelten, deutlich verspätet veröffentlicht. Die Hersteller wurden lange im Ungewissen gelassen. Ein weiterer Ansatz, um Innovation zu fördern, wären Reallabore, die es Jungunternehmen ermöglichen, ihre Ideen zu erproben und den Proof-of-Concept zu erbringen. In klar eingegrenzten Settings könnten die Regularien dafür temporär entschärft und innovationsfreundlicher gestaltet werden. Im FinTech-Bereich oder in der Elektromobilität haben sich solche Testfelder bewährt.

 

Hat der Bitkom als Interessenvertretung der gesamten Digitalwirtschaft solche branchenspezifischen Marktzugangshürden auf dem Schirm?

Absolut! Wir haben uns im letzten Jahrzehnt vom allgemeinen IT-Fachverband zu einem Verband entwickelt, der die digitale Transformation in verschiedenen Branchen begleitet und auch technische Themen wie Datensicherheit, KI oder App-Entwicklung abdeckt. Der Gesundheitsbereich ist im Bitkom ein starker Bereich. Unter anderem zählen knapp 70 Digital Health Start-ups, führende Mittelständler und internationale Konzerne aus der Medizintechnik-, Pharma- oder Softwarebranche zu unseren Mitgliedern. Wir decken also das gesamte Ökosystem der HealthCare-Branche ab. Und auch mit anderen Akteuren des Gesundheitswesens pflegen wir regen Austausch. So schätzt die Politik, dass unsere Positionen bereits mit so vielen unterschiedlichen Akteuren im Markt abgestimmt sind. Zu diesen Positionen gehört unsere gemeinsam entwickelte Branchenvision eines digitalen Ökosystems im Gesundheitsmarkt. Es braucht mehr Interaktion der Anbieter- und Anwendergruppen, neue Schnittstellen und ein Umdenken hin zu Nutzungsfreundlichkeit, Mut und Flexibilität. Wettbewerb, wo bisher staatliche Monopolisten und ein teils ausufernder Datenschutz jeden Innovationsgeist zur Strecke bringen. Und gerade Start-ups brauchen Zugang zum Markt und zur digitalen Infrastruktur – etwa in der Telematik. Bleiben die Interoperabilität und der Datenzugang auf dem heutigen Niveau, dann wird die digitale Transformation des Gesundheitswesens in anderen Teilen der Welt gestaltet. Dabei sind wir mit unserer starken Medizintechnikbranche und dem hochentwickelten Gesundheitssystem in einer sehr guten Ausgangsposition, um eine Führungsrolle zu übernehmen.

 

Ihr Verband organisiert das Get Started Health Network. Was verbirgt sich dahinter, und inwiefern lohnt es sich für Start-ups mitzuwirken?

Besonders kleine Firmen sind oft vom ohnehin stockenden Informationsfluss ausgeschlossen. Es kommt bei Gesetzes- und Zertifizierungsvorhaben oft zu Verspätungen und Fristverschiebungen, die kaum oder gar nicht kommuniziert werden. Als Verband klemmen wir uns dahinter, damit wir unsere Mitglieder im Sinne der Planungssicherheit so früh wie möglich über geplante Vorgaben und Veränderungen informieren können. Zudem bringen wir regelmäßig Start-ups und etablierte Unternehmen auf Matchmaking-Events zusammen und laden zu Konferenzen oder zum themenspezifischen Austausch ein. Da geht es mal um konkrete Fragen wie die Kooperationsmöglichkeiten mit Kassen außerhalb des DiGA*-Systems, mal um Best-Practices, um Zugang zu Venture Capital oder um unser Branchenleitbild und unsere Positionen und Argumente gegenüber der Politik. Teils laden wir auch Behörden ein, damit unsere Mitglieder ihnen aus erster Hand berichten, wie sich Regularien im unternehmerischen Alltag auswirken. Indem sie sich in unser Netzwerk einbringen, können Digital Health Start-ups ihren Interessen und Ideen also in und außerhalb der HealthCare-Branche Gehör verschaffen. Wir greifen sie als Verband auf und vertreten sie gegenüber den entscheidenden Stellen in der Politik, in Behörden oder auch in den Medien.

 

Zur Person:
Malte Fritsche ist als Referent für Health & Pharma beim Bitkom e. V. tätig, dem Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche. Er betreut unter anderem das Get Started Health Network und organisiert Bitkom-Health-Konferenzen.

 

Von Peter Trechow für CHIC!

 

* Hinter dem Kürzel DiGA verbergen sich Digitale Gesundheitsanwendungen. Sie gelten als Medizinprodukte und müssen aufwendige Zulassungsverfahren durchlaufen, damit sie von Krankenkassen erstattet werden.