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02. Mai 2022

Smartes Sitzkissen

Die VISSEIRO GmbH realisiert im Charlottenburger Innovations-Centrum (CHIC) Sensorsysteme zur Vitaldaten-Überwachung

VISSEIRO-Neuzugang und Feel-Good-Manager Kristian Prins trägt das smarte Kissen in die Welt © WISTA Management GmbH

Die auf bereits zwölf Beschäftigte gewachsene VISSEIRO GmbH realisiert im Charlottenburger Innovations-Centrum (CHIC) Sensorsysteme zur Vitaldaten-Überwachung, die sich in Sitzkissen oder Matratzen integrieren lassen. In einem weiteren Forschungsprojekt geht es um Virtual Reality in Betreuung und Pflege.

Sorge ist für pflegende Angehörige ebenso wie für professionelle Pflegekräfte ein ständiger Begleiter. Die Vorstellung, die betreute Person könnte fallen und hilflos liegenbleiben, Demenzkranke könnten Reißaus nehmen und orientierungslos umherirren oder ein medizinischer Notfall bliebe längere Zeit unbemerkt, nagt an Pflegenden. Oft gibt diese Sorge nach einem glimpflich verlaufenen Notfall den letzten Ausschlag dafür, dass alte Menschen ihr gewohntes Umfeld verlassen und ins Pflegeheim umziehen müssen.

Die junge VISSEIRO GmbH nimmt sich dieser Problematik seit ihrer Gründung im Herbst 2018 an. Die Idee: Wenn pflegende Angehörige, Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste den Gesundheitsstatus der Betreuten nicht ständig im Blick behalten können, dann hilft perfekt in den Alltag integrierte, smarte Sensorik die Lücken zu schließen.

Damit die Sensorsysteme tatsächlich genutzt werden, sind sie in ein Kissen integriert. Sie messen Vitalparameter wie die Herz- und Atemfrequenz oder auch Bewegungen der Betreuten, während diese bequem im Sessel sitzen. Im Sinne hohen Sitzkomforts ist die sensible Sensorik in ein viskoelastisches Gel eingebettet. Zugleich ist sie dadurch feuchtigkeitsgeschützt, was im Pflegealltag wichtig ist. Alternativ könnte die smarte Vitalfunktionsüberwachung künftig direkt in Sitzmöbel oder Matratzen integriert werden.

Geschäftsführer Pirmin Kelbel und Gründungspartner Janek Jurasch wechselten nach ihrem Studium an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) nach Berlin, um ihr Start-up zu gründen. Ihr Ziel: Voll alltagstaugliche Medizintechnik. „Der Fachbegriff ist Adhärenz“, erklärt Kelbel. Nur akzeptierte Technik wird genutzt. Macht das Monitoring der Vitalparameter dagegen Umstände, wird die Technik früher oder später ausgemustert. „Das passiert meist dann, wenn Hersteller Lösungen aus anderen Anwendungsfeldern an die Pflege adaptieren, ohne sich intensiver mit den Bedürfnissen der Pflegenden und Gepflegten zu beschäftigen“, erläutert er.

Das VISSEIRO-Team ist angetreten, um es besser zu machen. Das Gründerduo hat gezielt überlegt, wie ein System aussehen muss, damit es sich der Lebensrealität alter, gelähmter und anderweitig pflegebedürftiger Menschen optimal anpasst. Was sie alle gemeinsam haben: Ihr Alltag spielt sich vorwiegend im Sitzen ab. Daher die inzwischen vielfach ausgezeichnete Idee mit dem Kissen. Unter anderem hat das Team den Berliner „Deep Tech Award“ in der Kategorie „Social/Sustainable Tech“ gewonnen.

Auch die Nutzenden gewinnen. Das Sensorkissen nimmt ihnen die Sorge. Per Smartphone können sie die übersichtlich visualisierbaren Vitalparameter ihrer Kund:innen jederzeit einsehen. Sie wissen dadurch nicht nur, ob die Person im Sessel sitzt, sondern anhand der Herz-, Atem- und Muskelaktivität auch, ob es ihr gut geht. „Das Gel überträgt die jeweiligen Frequenzen sehr gut an die Sensorik“, berichtet Kelbel. In Pflegeeinrichtungen und bei Privathaushalten funktioniere die Technik so gut, dass die Daten durchaus als Langzeit-EKG nutzbar seien. Die App verfüge über eine entsprechende Funktion, um die Daten mit behandelnden Mediziner:innen teilen zu können.

Jüngst hat das Team, das seine Ideen im CHIC vorantreibt, den zwölften Mitarbeitenden eingestellt: Feel-Good-Manager Kristian Prins wird die immer häufigeren Messeauftritte und Tagungsteilnahmen im In- und Ausland koordinieren und sich um ein produktives Arbeitsklima im schnell wachsenden und – nicht nur fachlich – diversen Gründungsteam kümmern.

Neben der schnellen Internationalisierung hat das Start-up die Diversifizierung seiner Angebote im Blick. Unter anderem beteiligt es sich an einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundforschungsprojekt, das Virtual Reality (VR) gegen die Vereinsamung alter Menschen in Stellung bringt. Gemeinsam mit Hochschulforschenden aus Aachen, Oldenburg und Wuppertal sowie der AWO Wohnen & Pflegen Weser-Ems GmbH erforscht das VISSEIRO-Team im 1,88-Millionen-Euro-Projekt mit Laufzeit bis Sommer 2024, inwiefern ein um smarte Sensorik und VR-Technologie ergänzter Alltag mehr soziale Teilhabe und mehr Autonomie verschaffen kann.

Als Schlüssel gilt auch hier die Akzeptanz der Lösungen bei den alten Menschen, die nur durch eine nahtlose Adaption an ihren Alltag erreichbar ist. Und genau damit kennen die Charlottenburger sich ja bestens aus.

Peter Trechow für POTENZIAL

Potenzial – Das WISTA-Magazin. Ausgabe: Mensch-Maschine-Partnerschaft / Mai 2022